"Erst hatten sie kein Glück,..."


"Erst hatten sie kein Glück und dann kam auch noch Pech hinzu"

Februar 2011
Seit Tagen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Auf den Gehwegen reiht sich eine Schneepfütze an die andere. In der hannoverschen Altstadt fegt Schneeregen waagrecht durch die Gassen. Es ist spät. Das Laternenlicht flackert unruhig. In einer Gasse hört man gedämpft Schritte. Drei dunkle Gestalten, die Kragen der schwarzen abgegriffenen Mäntel tief hochgezogen, bahnen sich wortlos den Weg. Ein streunender Köter kommt ihnen entgegen. Beim Anblick der drei Männer zieht er postwendend den Schwanz ein und läuft jaulend um die nächste Ecke.
Knarzend öffnet sich die Tür einer übel riechenden Spelunke. Die Männer treten ein und setzen sich grußlos an einen kleinen wackeligen Tisch in der Ecke. Einer der Männer hebt die Hand und streckt drei Finger in die Luft. Der speckige Wirt nickt. An der Theke stürzen zwei alte Zausel ihren Korn hinunter, kramen hastig ein paar Münzen hervor und schleichen sich davon.
Ein vergilbter Zettel macht die Runde. Die Männer blicken einander an und ballen die Fäuste. Sie trinken ihren schalen Whiskey, greifen nach den Mänteln und begeben sich festen Schrittes zur Tür hinaus. Ein kalter Windstoß fegt den Zettel zu Boden. Mit zittrigen Fingern hebt der Wirt den Zettel hoch: "Limmer Triathlon, Mitteldistanz-Staffel im Juni 2011. Nichts ist scheißer als Zweiter!!!"

Juni 2011
Nur noch eine halbe Stunde bis zum Start. Unzählige Trainingskilometer haben Spuren hinterlassen: die Haut chlorgebleicht, schlecht verheilte Narben zeugen von Stürzen oder Begegnungen mit Nordic Walkern. Alles haben sie ihrem Ziel untergeordnet, jegliche Entbehrungen haben sie auf sich genommen. Aber nun war der Moment gekommen.
Ihr Tunnelblick verriet eine unbändige Entschlossenheit: Harm, unter Schwimmerkollegen ehrfurchstvoll die "Moräne" genannt; Heiner, die "Nähmaschine", in jeder Muskelfaser steckt das "Gier nach Sieg - Gen"; Mario, "der weiße Kenianer", vor dem Start ein Mensch wie Du und ich, mutiert er auf der Laufstrecke zum Mr. Hyde.

Unmittelbar vor dem ersten Startschuss wartete die erste böse Überraschung: es waren noch weitere Staffeln am Start.
Schuss. Wildes Gestrampel. Ellenbogenchecks, Fußtritte in die Rippen, die Neoprengestalten begaben sich auf die 1800m-Strecke. "First out of water": nur diese Devise galt für Harm. Doch fiese Schwebteilchen zogen ihn immer wieder auf den morastigen Boden des Lindener Stichkanals. Widerwärtiges offenbarte sich ihm. Nicht mal 96-Fans hätte er diesen Anblick gegönnt.
Nicht an erster Position liegend übergab er an Heiner. Tief enttäuscht von sich, aber weiter zuversichtlich, denn er wusste zwei bärenstarke Kameraden in seinem Team. Heiner, "die Nähmaschine", legte die Kette sogleich nach rechts, einen einzigartigen Luftsog nach sich ziehend. 90 km - für viele endlos, für Heiner eine weitere winzige Etappe zu Ruhm und Ehre. Rechnet man in diesem Moment mit heißen böigen Fallwinden? Mit schier endloser Willenskraft bäumte sich "die Nähmaschine" immer wieder gegen die Naturgewalt. Aussichtslos. Völlig ausgezehrt übergab er an Mario.
Zugegeben, die Spitze war schon einige Minuten enteilt, aber niemand wünscht sich Mario, den "weißen Kenianer"  auf der Strecke. Niemand. Außer das weibliche Publikum. Leider wurde er nicht Opfer mangelnden Trainingsfleißes, keinswegs, sondern seines blendenden Aussehens. Hysterisch kreischende Frauen aller Altersklassen trachteten nach ihm. Wilde Flüche ausstoßend absolvierte er die Strecke wie ein Slalomläufer, darauf achtend, nicht all zu sehr in die Fänge greifender gieriger Hände zu geraten.

Der erste Platz, wonach sie monatelang strebten, wurde nicht erreicht. Drei Jungs, aus einfachen, bescheidenen Verhältnissen kommend, hatten an diesem Tag gegen die Allmacht des Schicksals keine Chance!

Harm

PS:
Im Ernst: als Schwimmer hatte ich heute unter der Hitze überhaupt nicht zu leiden,  Heiner und Mario dagegen mussten arg kämpfen und sie haben das wirklich klasse gemacht. Alle Achtung!  Trotz der Anstrengung hatten wir einen tollen gemeinsamen Tag.
 

        
Original design by Andreas Viklund. |